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Dienstag, 10. November 2009

Zeilenfresser: Charlotte Roche "Feuchtgebiete"

- Zwischen Provokation und trivialem Unfug -
Wird das hier ein Verriß oder nicht? Nach all dem, was man über das Buch gelesen und gehört hat, kann es nur ein solcher werden. Auch, weil ich die Roche mit ihrer leicht Lolita-haften, etwas devoten, scheinbar naiven, aber eigentlich überheblichen Art nicht ausstehen kann (wie alle anderen, die sich im Zirkus der Eitelkeiten als IntelligenzNiederung, Exzentriker und/oder Naivling darstellen, weiß auch Frau Roche um ihre Wirkung). Außerdem, denke ich, hätte sich für ihre „Feuchtgebiete“ nicht ein Bruchteil der LeseMenschen, TV-Redakteure und ZeitungsFeuilletonisten interessiert, wäre sie nicht eh schon medial präsent und hip gewesen. Zu guter Letzt war der TuttiFrutti-Effekt („Gigantische Einschaltquoten, aber niemand will's gesehen haben“) ein Ansporn, der Sache auf den Grund zu gehen.
Warum bin ich entgegen aller Vorurteile von dem Büchlein wenigstens teilweise angetan? Zwar wird die von mir erwartete Massigkeit von sexuellen und Sekretions-Abnormitäten überschritten, aber dennoch sind die „Feuchtgebiete“ streckenweise ganz lustig und auch „einprägsam“, wenn man sich daran gewöhnt hat, daß hier 95% des Geschriebenen auf „anti“ getrimmt ist und das Buch über eine angeblich Achtzehnjährige von einer damals noch nicht Dreißigjährigen verfaßt wurde. Und weil ich mir beim Lesen fast bildlich vorstellen konnte, wie Leute, mit weniger „Kunstverstand“ (Ironie!) als meinereiner, auf die Kacke-, Muschi- und SchwanzLogorrhoe reagieren. Oder mit aller Bigotterie entsetzt wirken wollen. Ja, es ist vielleicht nicht populär, von Kackwürsten, blutigen Mullklumpen und Muschischleim zu schreiben, es ist aber auch nicht pervers und schon gar nicht „porno“. Wer über gewisse persönliche KörperAktionen, Interaktionen und Reaktionen nicht lachen oder wenigstens schmunzeln kann, hat im Leben sowieso verloren. Bei mancher „Intimität“ des Buches liegt der Schluß aber dann nur allzu nahe, daß sie nur der Provokation dient. Wenn etwa die „Heldin“ in einer Art Selbstexperiment KloBrillen mit ihrer Muschi „reinigt“. Oder sich die frisch operierte Wunde (am Arsch) an den BettBremsen wieder aufreißt, um länger im Krankenhaus zu bleiben. Letzten Endes, wenn man das Extreme, zu Phantasiereiche streicht, bleibt nichts UnMenschliches. Es sei denn, man ist eben bigott oder total verklemmt. Auf den gut zweihundert Seiten ist die Erzählung außerdem immer dann gut, wenn sie vom hochfrequenten Beschreiben von Masturbation und SekretGenuß abläßt und sich auf die zugegebenermaßen recht dünne BasisGeschichte, das „normale“ Leben der IchErzählerin und das KrankenhausLeben mit jugendlich-lockerer Schreibe konzentriert. Es gibt ja auch besinnliche oder nachdenkliche Abschnitte, etwa wenn es um die (Ex)Familie und die Kindheit der Protagonistin geht. Da kann man als Leser kurz innehalten und den Puls runtergehen lassen. Aber Vorsicht, er schnappt danach gleich wieder brutal über. Sobald nämlich KörperAusscheidungen ins Spiel kommen. Und dann wirkt's auch wieder verkrampft. Langweile (durch den mit der Zeit immer trockener werdenden Witz und plakative Wiederholungen) und Unschlüssigkeiten inclusive. Manchmal scheint es, als habe sich die Autorin selbst dabei ertappt, wie sie statt einer derb-poetischen, pubertären Umschreibung Begriffe quasi aus der ErwachsenenWelt benutzt, und schwenkt behende um. Seitenlang liest man infantiles Gebrabbel von WundschorfOrgien und Kacka, Pipi & Co., und muß sich plötzlich mit medizinischen Begriffen auseinandersetzen. Sie, Helen Memel, palavert lang und breit und offenherzig über „Sauereien“ aller Couleur, übergibt sich aber fast bei dem Gedanken, daß ihre Eltern Sex hatten. Manchmal ähnelt der Schreibstil dem eines Grundschülers/einer Grundschülerin im Aufsatz („Erst mache ich das, dann mache ich das, dann mache ich das...“). Und ständig tauchen „Metallnachtschrank“ und „Chrommülleimer“ wie Treppenwitze zwischen Poritze und Kackeschwitzflecken auf.
Stellt sich noch die Frage nach dem Warum, der Intention des Buches. Sind es kranke Phantasien? Ist es reine Ironie? Soll es zum Nachdenken über Tabus anregen? Soll einer enthemmten Gesellschaft der Spiegel vorgehalten werden? Brauch die Roche Kohle? Wahrscheinlich von allem etwas, aber nur SelberLesen erkundet die Wahrheit. Und schließlich darf und muß man sich als Verleger schon mal fragen lassen, ob man eigentlich jede Absurdität herausgeben muß, einerseits. Andererseits darf man sich auch sicher sein, daß heutzutage jeder Scheißdreck auch gekauft wird. Und seien es Bananen mit Reißverschluß.

Donnerstag, 17. September 2009

Zeilenfresser: Thomas Wieczorek "Die verblödete Republik"

- Schmähschrift auf den Neoliberalismus -
Beim EinkaufsSchlendern durch den Supermarkt, im Hinterkopf der Gedanke „Ich brauch mal wieder ein Buch“, stach mir „Die verblödete Republik“ ins Auge. Keine Ahnung warum. Der Titel hörte sich interessant an, den Autor kannte ich nicht. Gekauft. In der Erwartung, tiefe Einblicke in die VerquickungsMechanismen (Untertitel „Wie uns Medien, Wirtschaft und Politik für dumm verkaufen“) zu bekommen, hab ich die knapp 300 Seiten (die 20 Seiten Quellenangaben sind geschenkt) ruckzuck durchgeackert. Und was hat's mir gebracht? Nicht viel, um ehrlich zu sein. Anfangs ließ sich „Die verblödete Republik“ noch ganz gut verarbeiten. Da gab es auch noch die Hoffnung auf entscheidende Sätze. Aber nach und nach entpuppte sich das Geschreibsel als ständige Tirade, als permanentes Rumgehacke auf einem nebulösen Neoliberalismus, der nicht mal ansatzweise erläutert wird (es ist auch kein einfaches Feld), weil wahrscheinlich die Grundlagen vorausgesetzt werden. Schade, wo wir doch verblödet sind. Die manchmal schon lächerlich-grimmigen Schmähungen sind in eine streckenweise unflätige, beleidigende und proletenhafte Schreibe gekleidet, die mit ihrer links-seitigen Anbiederung zum Fremdschämen einlädt. Und dann mutet Wieczorek der Leserschaft gönnerhaft genau das Halbwissen auf BILD-Niveau zu, das er ständig als VerblödungsFaktor beklagt. Hier mal ein Brocken, da mal ein Häppchen – nur nicht zu viel Fakten, sonst geht der Sarkasmus verloren. Und wenn's dem Autor ins Konstrukt paßt, sind selbst die verpönten Neo's manchmal doch zu was gut. Schlimm wird’s dann, wenn man Zynismus, ernsthafte Kritik und Satire nicht mehr auseinanderzuhalten vermag, seine eigene Position unklar wird und im Sumpf von undifferenzierter Häme und ProfilierungsSucht untergeht. Das nimmt übrigens auch nicht wunder, hat der Autor doch eine beachtliche Karriere mit Stationen bei der dpa, Reuters, BILD (!, gar als Chefreporter!), Eulenspiegel und Neues Deutschland (!) hingelegt. Gewagt sind allerdings manche Theorien, z.B. die der Schulformen (bis 1964): Volksschule für das Volk, Mittelschule für die Mittelschicht und Oberschule ... naja, Sie wissen schon. Damit ist übrigens auch bewiesen, daß Mittel- und Oberschicht nicht zum Volk gehören. Sowieso wird der Bürger als Opferlamm dargestellt, der innerhalb einer gigantischen Verschwörung weder zu denken noch sich zu wehren vermag. Und Lösungen sucht man eh vergebens. Wieczorek schreibt sich mehr den eigenen Frust von der Seele, und sagt dabei nichts Neues: BILD lügt, und der Rest der Mainstream-MassenMedien sagt nicht immer die Wahrheit. Daß ein Großteil dessen, was uns zum Lesen oder (fern)Sehen angeboten wird, nur der Manipulation, Ablenkung und Desinformation, und selbstverständlich und ganz simpel dem GeldVerdienen dient, wußten wir doch schon vorher. Ich bin um 8 Euro 95 ärmer, reicher aber um die Erkenntnis, daß man nur Zeit und ein paar sehr individuelle Theorien haben muß, um mit Wichtigtuerei zur Verblödung der Republik beizutragen.